Auf den Seiten des Heidelberger Instituts für Textkritik, einer germanistischen Forschungseinrichtung, findet sich ein bemerkenswerter Appell zum Urheberrecht.

Für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte.

Es geht darum, die Publikationsfreiheit der Autoren zu sichern. Der Gesetzgeber wird aufgerufen, sich schützend vor wissenschaftliche Autoren zu stellen.

Zwei Bedrohungen gilt es abzuwehren: Google und Open Access.

Interessanterweise kommt der Begriff Open Access - anders als Google - im Text des Aufrufs gar nicht vor. Erst das Eindringen in die weiteren Materialien der Homepage lässt erkennen, worum es geht.

Es finden sich dafür aber Sätze in dem Aufruf, die auch Vertreter der Open Access-Bewegung mühelos unterschreiben können, etwa diesen:

"Es muß auch künftig der Entscheidung von Schriftstellern, Künstlern, Wissenschaftlern, kurz: allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen. Jeder Zwang, jede Nötigung zur Publikation in einer bestimmten Form ist ebenso inakzeptabel"

Genau! Soweit dies gegen Kneblverträge von Großverlagen geht. Wunderbar! Das liegt ganz auf der Linie des immer wieder geforderten Zweitveröffentlichungsrechts in § 38 UrhG. Danach sollen wissenschaftliche Autoren unabhängig vom Verlagsvertrag in der Lage sein, ihre Werke ins Netz zu stellen, wenn sie das denn wollen. Genau das ist die Freiheit, die es vor ungünstigen Verlagsverträgen zu schützen gilt. Hier kommt der Urheber zu seinem Recht.

Aber: Das meinen die Initiatoren des Aufrufs wohl nicht. Sie wenden sich gegen die (internationale) wissenschaftspolitische Großwetterlage, die Open Access favorisiert.

Es fällt auf, dass die Hauptgruppe der Unterzeichner aus der deutschsprachigen Geisteswissenschaft kommt. Dass Universitäten wie Harvard oder das MIT sich Open Access auf die Fahne geschrieben haben und aktiv unterstützen, sei in diesem Kontext kurz bemerkt, ist für deutsche Literaturwissenschaftler vielleicht auch nicht wichtig.

Doch zurück zum Aufruf. Warum wird nicht Klartext geredet? Etwa: "Wir sind gegen Open Access!"

Stattdessen wohlklingende Sätze, die ohne die (zeit)intensive Lektüre der weiteren Texte der Homepage ihre wahre Stoßrichtung nicht offenbaren.

Dieser merkwürdige Aufruf erinnert an Methoden, die man sonst im Umfeld von Haustürgeschäften und Kaffeefahrten vermuten würde. Offenbar wirkt es!

Ad exemplum:

Zu den Unterzeichnern gehören Tom van Endert und Johannes Monse, beide Geschäftsführer des Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat OHG in Münster.

Der MV-Verlag befürwortet Open Access. In einem Handout des Verlages ist zu lesen:

"Open Access und Buchpublikation werden oft als unvereinbar angesehen. Viele Verleger fürchten, dass durch den freien Zugang zu den Werken via Open Access der Absatz einer teuer produzierten Print-Auflage gefährdet sein könne und ein wirtschaftliches Publizieren Seite an Seite mit einem kostenfreien Download unmöglich sei. Viele Verleger sehen bei einem freien Zugang zu den Schriften im Download zudem auch rechtliche Probleme. Wir sehen dies alles natürlich ganz anders. Wir halten den freien Zugang zu wissenschaftlichen Werken via Open Access sogar für vorteilhaft – gerade auch in wirtschaftlicher Hinsicht –, sofern bestimmte Regeln für die gedruckte Buchpublikation beachtet werden."

Quelle.

Dagegen Roland Reuß, der Initiator des Aufrufs. Er findet, dass durch Open Access: "die bewährte Infrastruktur mittelständischer Wissenschaftsverlage" "leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird".

Quelle.

Die Unterschrift der Geschäftsführer eines bekennenden OA-Verlages ist sicher nur eine kleine Randgeschichte. Aber sie wirft ein spezielles Licht auf die Heidelberger Aktion. Sie nicht als - durchaus geschickte - "Leimrute" zu bezeichnen, fällt schwer.

Wichtige Ergänzung
Der MV-Verlag hat seine Unterschrift mittlerweile zurückgezogen. meldet Bernd-Christoph Kämper bei Twitter.